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Ezra Pound in Wörgl - Beitrag im "Literarischen Führer Österreich"

Wörgl fand Aufnahme in der laut Thronton Wilder "wohl größten Dichtung des 20. Jahrhunderts", den Pisaner Cantos von Ezra Pound . Ezra Pound (1885-1972) gilt gemeinsam mit T.S.Elliot als Begründer der modernen anglo-amerikanischen Verskunst und setzte vor allem mit seinen Versdichtungen und literaturkritischen Arbeiten neue Maßstäbe. Die Pisaner Cantos, entstanden 1945 im U.S. Army Disciplinary Center bei Pisa, wo Pound wochenlang inhaftiert war,  gelten als Höhepunkt seines Schaffens und wurden mit einem der höchsten Literaturpreise Amerikas, dem Bollingen Award ausgezeichnet.  Das "Wunder von Wörgl", das mithilfe der Arbeitswertscheine erfolgreich die Arbeitslosigkeit und damit die Wirtschaftskrise bekämpfte, nimmt in Pounds Wirtschaftskritik eine zentrale, wegweisende Rolle ein.

ThumbEzra Pound war eine schillernde Persönlichkeit in der europäischen Literaturszene zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Poet zog die Aufmerksamkeit nicht nur durch seine neue Auffassung von Literatur auf sich, sondern auch durch seine Unterstützung junger Schriftstellerkollegen. Pounds Lebenswerk überschattet dessen Eintreten für faschistische Ideen in Mussolinis Italien, das er mit Radioansprachen kund tat. Auf Ansuchen des amerikanischen Kriegsministeriums wurde deshalb am 26. Juli 1943 gegen ihn die Anklage wegen Hochverrates erhoben - Pound wurde vorgeworfen, Italien und seinen Verbündeten im Krieg gegen die Vereinigten Staaten Beistand und Zuspruch geleistet zu haben. Beim Prozess erklärte man ihn dann für unzurechnungsfähig und sperrte den Dichter, dem das Todesurteil drohte, 13 Jahre in eine Irrenanstalt.

Ezra Pound: "Niemand kann aber Geschichte verstehen, wenn er nichts von Wirtschaft versteht."
Mit seinem Haupt- und Lebenswerk, den "Cantos", wollte Ezra Pound die Menschheitsgeschichte in Versform verdichten. Die Idee dazu reifte über Jahrzehnte, und 1934 stellte Pound fest: "Ein Epos ist ein Gedicht, das Geschichte einschließt. Niemand kann aber Geschichte verstehen, wenn er nichts von Wirtschaft versteht."

ThumbPound interessierte sich für wirtschaftliche Zusammenhänge. "Sein Hass galt dem Kapitalismus und dem Liberalismus, der Herrschaft der Hochfinanz in den Nationen der westlichen Welt, die seiner Meinung nach die Schuld am Ersten Weltkrieg trugen und deren Macht es vor allem zu zerschlagen galt", schreibt Hans-Christian Kirsch in seiner im rororo-Verlag erschienenen Monografie über Ezra Pound. Der Dichter setzte sich 1918 mit den Thesen von C.H. Douglas auseinander, denenzufolge ein Unterschied zwischen "Wirklichem Kredit" - der Wirtschaftskraft einer ganzen Gesellschaft - und dem Finanzkredit als Monopol weniger besteht. Nach Douglas liege die Problematik eines auf Finanzkredit beruhenden Wirtschaftssystems darin, dass das Geld, das für Zinsen bezahlt werden muss, den Menschen als Kaufkraft fehlt. Er sah darin die entscheidende Ursache für Wirtschaftskrisen. Sein Vorschlag lautete, die Regierungen solle den privaten Banken die Kontrolle des Kredites aus den Händen nehmen. Ihm war aufgefallen, dass die Staatsausgaben in Kriegszeiten immer die Grenzen eines ausgewogenen Haushaltes überschritten, dabei aber Hochkonjunktur herrschte. Die Großbanken und Hochfinanz hatten also ein Interesse daran, Kriege heraufzubeschwören, um so ihre Profite zu steigern.

Der Wucher als Wurzel allen Übels
"Bei Pound wurde daraus: Jede Bank, die ihren Verdienst, der sich aus dem Unterschied von Soll- und Habenzinsen ergibt, als privaten Gewinn betrachte, statt ihn uneigennützig der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, betreibe USURA (Wucher), mehr noch, sie gefährde die Unabhängigkeit der Regierung und des demokratischen Staates", schreibt Kirsch. In den Cantos handeln ganze Gesänge von den Auswirkungen des Wuchers, der Plusmacherei, auf den Gesamtorganismus einer Gesellschaft: "Usura wird zum Inbegriff des Bösen schlechthin in der Welt."

Pound sieht im Zins, der der allgemeinen Geldzirkulation entzogen wird, eine "Todsünde gegen die Freigebigkeit der Natur. Abgeleitet wird diese Vorstellung von Aristoteles, bei dem es heißt: So ist der Wucher mit vollem Recht verhasst, weil das Geld hier selbst die Quelle des Erwerbs ist und nicht dazu gebraucht wird, wozu es erfunden ward. Denn es wurde zwecks Austausch eingeführt, der Zins aber macht aus Geld mehr Geld."

Pound und der italienische Faschismus
Pound kritisierte in den Cantos, dass die Regierung der USA bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts die eben erkämpfte Unabhängigkeit durch ihren Kreditbedarf wieder verloren habe. "Da in den Direktionsetagen angelsächsischer Banken häufig Juden tätig waren, entwickelte Pound unter völliger Verdrängung jener historischen Umstände, unter denen es zur Beschäftigung der Juden mit Bankgeschäften gekommen war, einen rabiaten Antisemitismus, der ihn aber nicht hinderte, mit Juden eng befreundet zu sein. Staatliches Geld, gedeckt durch den natürlichen Reichtum des Landes, müsse an die Stelle des Goldes und der Zinsen treten, mit deren Hilfe der wirkliche Kredit, der Überfluss der Natur, durch internationale Wucherer gerade zerstört würde", schreibt Kirsch.

Diese Vorstellungen sah Pound am erfolgreichsten im faschistischen System Italiens verwirklicht. "Dem Faschismus als autoritärer Macht traute er auch am ehesten zu, das Krebsgeschwür der Welt, nämlich Usura, aus dem Organismus der Nationen zu schneiden", formuliert es Kirsch. "Nachdem sich Pound immer rückhaltloser zu Mussolini bekannt hatte und man ihm ideologische Verwirrung vorwarf, war seine Antwort, er schreie nach Menschlichkeit in einer Welt, die vom Wucher aufgefressen werde." Pound war mit seiner Begeisterung für Mussolini kein Einzelfall. Amerikanische Geschäftsleute applaudierten dem Duce, auch Sigmund Freud, Winston Churchill und Dichterkollegen wie Eliot, Yeats, Lewis und Jean Cocteau bekundeten Sympathien für Mussolini. Für Pound kamen nur autoritäre Persönlichkeiten in Frage, um die wirtschaftliche und politische Misere dieser Zeit zu beheben. Die ideologische Verblendung gipfelte in Pounds   Radioansprachen im italienischen Rundfunk, die ihm schließlich die Anklage wegen Hochverrats eintrugen. Kirsch zitiert zahlreiche Zeitgenossen Pounds, die bei ihm in dieser Zeit zunehmenden Realitätsverlust feststellten - Pound sah im Faschismus etwas völlig anderes, als dieser in Wirklichkeit war - eine verhängnisvolle Fehleinschätzung.

Die Schriften Pounds aus den Jahren 1933 bis 1945 befassen sich zumeist mit Fragen der Wirtschaft und des Geldwesens.  "Ab 1933 macht Ezra Pound das moderne System der Zins- und Geldwirtschaft für die Kriege und Katastrophen verantwortlich, und gerade deshalb war für ihn das Wunder von Wörgl, nachdem er davon gehört hatte, von besonderem Interesse. Und als er sich in der Einsamkeit seiner Lagerhaft in Pisa nach dem Zweiten Weltkrieg seine Cantos als Pisaner Gesänge fortsetzt, kommt ihm die Erinnerung an Wörgl... Diese späte Erinnerung und deren Aufnahme in die Cantos lassen erkennen, wie bedeutsam für Ezra Pound die Besuche in Wörgl gewesen sein müssen. Er behandelt das Problem nicht als Episode, sondern stellt es in den Mittelpunkt seiner dichterischen Wirtschaftskritik", schreibt
der Historiker und Publizist Dr. Wolfgang Broer in seinem Buch "Schwundgeld".
"Seine erstes Werk, das sich ausschließlich mit wirtschaftlichen Fragen beschäftigte, "ABC of Economics" erschien 1933 in London, es folgten zahlreiche Flugschriften, Artikel und Essays zum Thema Geldreform. Ezra Pound entdeckt das Freiwirtschaftsmodell Sivio Gesells und tritt vehement dafür ein, die Währung nicht durch Gold oder Devisen, sondern nur durch Produktionskraft und erbrachte Arbeitsleistung zu decken. Im Gegensatz zu Karl Marx sah Pound nicht die Produktionsverhältnisse, sondern die Funktion des Geldes -und hier vor allem die Verzinsung - als das Erzübel des Kapitalismus. Die Gesellschaft müsse sich entscheiden, nämlich zwischen dem Prinzip "Usura" (lateinisch Wucher), also der Geldvermehrung durch Wucherzins, und dem Prinzip "Eleusis", der Vermehrung durch natürliche Wertschöpfung", schreibt Dr. Broer.

Ezra Pound und Wörgl
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Thumb"Wie, wann und unter welchen Umständen auch immer Ezra Pound in Wörgl war - das Schwundgeld-Experiment Unterguggenbergers hat den amerikanischen Dichter jedenfalls fasziniert. Und zwar als Tat eines einzelnen", meint Dr. Broer und nimmt anhand historischer Quellen zwei Besuche in Wörgl an: Ein Foto aus jener Zeit, das Pound mit Rosa und ihrem Sohn Silvio Unterguggenberger zeigt, stammt aus dem Jahr 1935. Aus der Biografie "Diskretionen" von Ezra Pounds Tochter Mary de Rachewiltz (als Buch erschienen im Haymon-Verlag) geht hervor, dass der Dichter auch 1936 in Wörgl weilte. Was er hier erlebte, verarbeitete er im Canto LXXIV der Pisaner Gesänge so (Übersetzung von Eva Hesse):

Thumb... der Staat braucht nicht borgen
auch brauchen Veteranen keine staatlichen Garantien
für den Privatpump zu Wucherzinsen
in der Tat liegt hier der Hase im Pfeffer
der Staat braucht nicht borgen
wie Wörgls Bürgermeister nachwies,
der Milch ausfuhr
und dessen Frau Hemden und Lederhosen verkaufte
und auf dessen Bücherbord  Henry Fords Leben stand
und eine Ausgabe der Göttlichen Komödie
und die Gedichte von Heine
Thumbein nettes Städtchen im Tirolerland in einer flachen Talsohle gelegen
nicht weit von Innsbruck und als ein Schein
der Kleinstadt Wörgl
über die Theke wanderte
in Innsbruck und der Bankier es wahrnahm
geriet der Geldklüngel Europas aus dem Häuschen
"keiner "- sprach die Frau Bürgermeister -
"in diesem Dorf, der einen Artikel schreiben könnte.
Wußten, daß es Geld war, doch gaben vor, es sei keins,
um sicher zu gehen vor dem Gesetz."

Pound und die Familie Unterguggenberger
Ob Ezra Pound bei seinen Besuchen in Wörgl Michael Unterguggenberger persönlich angetroffen hat, ist nicht eindeutig belegt. Sicher ist, dass er sich mit dessen Frau Rosa unterhalten hat - auf italienisch. "Dass Ezra Pound in Unterguggenbergers Bücherkasten die Göttliche Komödie Dantes entdeckt, einem Dichter, der ihm als Vorbild gilt, lässt ihn wohl vermuten, er habe im Wörgler Bürgermeister eine verwandte Seele gefunden. Die 120 Gesänge seines Hauptwerkes, das ihm einen Sitz im Olymp der Lyrik sichert, sind ja der Struktur von Dantes Göttlicher Komödie nachempfunden", schreibt Dr. Broer. "Uneingeschränkte Zustimmung Unterguggenbergers hätten wohl auch einige der Epigramme Pounds gefunden: `Regieren ist die Kunst, Probleme zu schaffen, mit deren Lösung man das Volk in Atem hält.`Oder: `Nächstenliebe findet man zum Beispiel bei Menschen, die Dienstvorschriften nicht einhalten.`

Andererseits scheint ziemlich sicher, dass die beiden auf zwei wichtigen Gebieten recht unterschiedlicher Meinung waren", zieht Dr. Broer seine Schlüsse aus dem Nachlass Unterguggenbergers: Während Pound ein Bewunderer des italienischen Diktators Mussolini war, verfasste Unterguggenberger 1935 ein Gedicht, dass dessen Abessinien-Feldzug 1935 scharf verurteilte:

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"Ein Krieg! Ein Krieg
rast durch die Welt.
Es fließt in Strömen Blut,
das Schlachttier `Mensch
stirbt auf dem Feld,
ob Heid´, ob Christ, ob Jud´!

Der Duce lechzt
nach schwarzem Land,
bricht wie ein Räuber ein.
Das Blut der Völker rinnt im Sand
für seinen Glorienschein.

Es ist ein Sterben auf Befehl
fürs Vaterland in Ehr??
doch schließlich merkt´s auch ein Kamel
dass es betrogen wär.

Denn Duccen sind ja unfehlbar
sie haben immer recht
so sagt man´s stets der Herde Schar
dem willenlosen Knecht.

Warum? oh Mensch, ich stell die Frag´,
warst du zur Herde nur??
Dass so ein Wanst dich jeden Tag
wie Schafe führt zur Schur.

Ich sag es dir, ich weiß es ja,
im nationalen Rausch
niemand von euch den Schlächter sah
mit Breitmaul, Geld und Bauch.

Den Schlächter, der euch nun formiert
zur Opfertiere Schar,
der Euch gedrillt und exerziert,
verblödet ganz und gar.

Der zweite Punkt, in dem Unterguggenberger mit Pound keinesfalls übereinstimmte, war Pounds ökonomisch begründeter Antisemitismus. Unterguggenberger wollte sogar mit jüdischen Kreisen in Deutschland zusammenarbeiten, um das nötige Geld für Propaganda und Aufklärung zur Durchsetzung freiwirtschaftlicher Ideen zu bekommen.

Ezra Pound als "Ahnherr der heutigen Globalisierungskritiker"
Der Ökonom Meghnad Desais lässt in seinem neuen Buch The Route of all Evil mit Ezra Pound einen Mann die grundsätzliche Ablehnung des Kapitalismus formulieren, dem als Wirtschaftstheoretiker die Anerkennung verwehrt blieb. Für
Meghnad Desai, der antisemitische und faschistische Äußerungen des Poeten heftig kritisiert, ist Pound ein Ahnherr der heutigen Globalisierungskritiker. "In unseren Zeiten, in denen für internationale Entschuldung und für globale Gerechtigkeit gekämpft wird, und der Kapitalismus auf lokaler Basis neu errichtet werden soll, ist Pound der Mann der Stunde."  (Quelle: "Der Standard", Printausgabe 24./25. Februar 2007, von Bert Rebhandl/Album, unter dem Titel "Ezra Pound und das Geld")

Ezra Pound: "Das erfuhr ich in Wörgl"
Dazu verfasste Christoph Moser im Sommer 1975 in einer Zeitschrift der Tiroler Fremdenverkehrswerbung einen Beitrag, der auch in englisch und französisch übersetzt wurde:
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Französische Version.
Quelle: Unterguggenberger Archiv Wörgl


 

 


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