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Geld unter 1 % Zins

Zu den Folien: Präsentation "Geld unter 1% Zins"

Impulsreferat von Thomas Fuchs,

Direktor der Raiffeisenbank Mittleres Unterinntal, gehalten beim Freigeldstammtisch am 9. Dezember 2003 im Volkshaus Wörgl

Die Schuldentürme, die in der heutigen Finanzwirtschaft bestehen, können nicht in den Himmel wachsen. Unter dem Aspekt, dem ungesunden exponentiellen Wachstum Einhalt zu gebieten, suchte Thomas Fuchs, Direktor der Raiffeisenbank Mittlerers Unterinntal nach praktischen Auswegen.

Er stieß dabei auf die Freigeld-Idee Silvio Gesells, die 1932/33 in Wörgl erfolgreich zur Abfederung der Weltwirtschaftskrise von Bürgermeister Michael Unterguggenberger angewandt wurde. Eine Geldsteuer anstatt des Zinses als Umlaufsicherung einzusetzen, hat heute gegenüber einem Zinsgeld keine Chance.

„Ein Null-Zins-Modell wäre ideal“, stellte Fuchs die Ausgangsbasis seiner Überlegungen vor, die er aber aufgrund von Einwendungen des Konsumentenschutzes und des Finanzamtes auf ein „Geld unter ein Prozent Zins“ abänderte. 2001 entwickelte er dazu ein Anspar-/Kreditmodell, das im regulären Bankenwesen als geschlossener Geldkreislauf geführt werden kann.

Das Modell ist an das schwedische JAK-Bank-Modell angelehnt. Dabei braucht die Bank immer gleich viel an Spar- wie an Kreditvolumen, um nahe 0 % den entsprechenden Ausgleich vorzunehmen. Der Einfachheit halber wird das Modell am Beispiel einer Anspar- wie Kreditphase als Einmalzahlung für jeweils vier Jahren erläutert: Es unterteilt sich somit in zwei Phasen:

A) Zuerst ansparen, dann Kredit nehmen: Wer mit dem Sparen beginnt, erhält aufs eingelegte Geld 0,1 % Zins und das Anrecht, nach vier Jahren einen gleich hohen Kredit mit fixen 0,9 % über eine Laufzeit von vier Jahren zu erhalten. B) Zuerst Kredit nehmen und dann nachsparen. Wer einen Kredit zu 0,9 % Zins nimmt, verpflichtet sich dazu, nach vier Jahren nicht nur die Rückzahlung vorzunehmen, sondern zusätzlich wieder zur Konditition 0,1 % Sparzins nachzusparen – ebenfalls mit dem Ergebnis, dann noch einmal die gleiche Summe ausbezahlt zu erhalten.

Dieses Modell bringt Vorteile für alle: Für die Kunden, die das Zinsänderungsrisiko und die Nachteile des Zinseszinses vermeiden. Für die Banken, weil sie mit einem innovativen Modell neue Kunden gewinnen und binden. Ängste von Bankern, damit den Berufsstand in Gefahr zu bringen, sind damit unbegründet, denn Banken leben nicht vom Zins, sondern von der Zinsspanne. Anstelle der Zinsspanne sieht das Modell eben entsprechende Gebühren vor. Die Kunden verpflichten sich ja auf acht Jahre, bei der Bank zu bleiben. Aufgrund des Zinsbasars am offenen Finanzmarkt vagabundieren sie viel stärker“, zeigt Fuchs den Vorteil für die Bank auf. Geld leihen wird damit billiger, ohne dass die Banken Federn lassen.

Eindeutiger Gewinner dabei ist der Konsument, der zwar so gut wie keine Zinsen fürs Sparen erhält, aber für den Kredit dann auch fast keine bezahlt. Mit dem Modell kann er der dem oft unterschätzten Zinsänderungsrisiko ebenso ausweichen wie der Verteuerung, die der am Geldmarkt wirkende Zinseszins bringt, der Kreditkosten enorm erhöhen kann. „Wer anspart und den Kredit dann nicht selbst in Anspruch nehmen will, kann das Anrecht darauf auch auf eine Person seiner Wahl weitergeben“, erläuterte Fuchs. Etwa ein Großvater an den Enkel, der gerade seinen Hausstand gründet.

Thomas Fuchs stellte sein Modell 2001 in einem Mitgliederbrief der Raiffeisenbank vor und fand im ersten Anlauf auch rund 20 Interessierte, die bei dem in sich geschlossenen System mitmachen wollten. Die Nachfrage Spar- und Kreditgeld war ausgewogen und befand sich in einem Rahmen von 10 bis 20 Millionen Schilling. Die Umsetzung scheiterte an zu geringer Akzeptanz bei Kunden und Bankkollegen, bei (bank)rechtlichen Bedenken wegen Konsumentenschutz, Problemen des Rechenzentrums und vor allem wegen der vom Finanzamt wegen der entgangenen Kapitalertragssteuer (KE St) geforderten Ersatzsteuer beim Kredit. Ein allfälliger KE St-Vorteil müsste gegebenenfalls somit wieder rückerstattet werden.

Was spricht dagegen?

Das Modell liegt aufgrund der vorgefundenen Widerstände vorläufig auf Eis, wobei Thomas Fuchs hofft, dass ein Umdenken noch einsetzen wird. „Wenn wir nichts ausprobieren, wird es keine Weiterentwicklung geben“. Bei entsprechendem Bedarf, bei erhöhtem Bewusstsein der Kunden an dieser Innovation könnte man das Modell jederzeit weiter entwickeln, die noch offenen Fragen klären und umsetzen.

Vorbild in Schweden: das JAK-System

Als Vorbild diente Thomas Fuchs das Jak-System, das in Schweden flächendeckend via Internet angeboten wird. JAK startete als Wohnbaufinanzierungsmodell, im Prinzip vergleichbar mit dem Bausparen – nur eben ohne Zins. Was bei der langen Laufzeit durch den Wegfall des Zinseszinseffektes deutlich billiger ist als die herkömmliche Wohnraumfinanzierung. In Schweden gelang es mit dem JAK-System, viel Geld in die Regionen zu bringen und damit die Abwanderung von Leuten in die Ballungszentren zurückzuhalten. Billigere Finanzierungskosten durch den Wegfall von Zinskosten bringen in der Wirtschaft über die Konkurrenzfähigkeit der Produkte und Dienstleistungen klare Wettbewerbsvorteile.

„Wer sonst – wenn nicht wir?“

Die Stärken der Primärbanken Thomas Fuchs, der auch dem Förderungsverein für Primärbanken vorsteht, erläuterte weiters, warum sich besonders genossenschaftlich organisierte Primärbanken wie Raiffeisenbanken für die Umsetzung des „Geld unter 1 Prozent-Modells“ eignen: „Das liegt in unserer Unternehmensphilosophie und Struktur. Unsere Kunden sind Mitglieder und damit auch die Eigentümer der Bank. Die Satzungen verpflichten uns, vorrangig die Mitglieder als Kunden zu fördern. Es macht wenig Sinn, zuerst vom Kunden hohe Zinsen und Gebühren zu verlangen, um ihm dann als Mitgliederförderung wieder einen Teil als Dividende zurückzugeben. Wir haben eben nicht wie große Geschäftsbanken mit ihren Filialbetrieben die Verpflichtung, den Shareholder-Value-Gedanken zur Gewinnmaximierung zugunsten einiger großer Kapitalgeber durchzusetzen, die meist anonym über Aktien oder Fonds irgendwo sitzen.“

Genossenschaftliche, kleinräumig strukturierte Primärbanken sind die Tankstellen der Regionalwirtschaft, in ihr verwurzelt – hier wird vor Ort und nicht irgendwo in einer entlegenen Zentrale entschieden, wer zu welchen Konditionen Geld erhält. „Mit den Primärbanken verschwindet die Selbständigkeit“, warnt Fuchs angesichts der derzeitigen Fusionswelle und wünscht, dass ein Bewusstseinswandel hin zur Erhaltung der kleinräumigen Strukturen einsetzt.

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