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Strukturen der Nähe als Antwort auf die Wirtschaftskrise
Worauf vertraut der Mensch – auf das Geld oder auf die Gemeinschaft? Die globale Verunsicherung durch Bankenpleiten und Wirtschaftskrise gibt derzeit Initiativen Rückenwind, die sich auf die Stärken der eigenen Regionen besinnen und sich dazu ergänzender Währungssysteme bedienen. Regiogelder zählen dazu ebenso wie Tauschsysteme.
Als vor Jahren im 1100 Einwohner zählenden Dorf Langenegg im Bregenzerwald das Lebensmittelgeschäft klar wurde, dass das Lebensmittelgeschäft bald zusperren würde, setzte das Umdenken in der Bevölkerung ein. Die Sicherung der Nahversorgung wurde erstes Anliegen der Bürgerbewegung „Lebenswert Leben“ und der Gemeindeführung, die im Talente-Tauschkreis Vorarlberg einen kompetenten Partner für ihr innovatives Projekt fand. „Lebensmittelketten hatten kein Interesse, hier eine Filiale zu betreiben. So errichtete die Gemeinde selbst den Dorfladen“, berichtet Bürgermeister Georg Moosbrugger und betont: „Mit dem Bau allein war es nicht abgetan. Wir wollten das Bewusstsein um die Strukturen der Nähe und den sozialen Zusammenhalt stärken und die Menschen motivieren, auch hier einzukaufen.“ Die Exkursionsteilnehmer des Regiogeld-Verbandstreffens erhielten ausführliche Informationen über das Talente-Gutscheinprojekt in Langenegg. Herlinde Schmidler Und Christian Nussbaumer (im Bild rechts mit Talente-Tauschkreisobmann Gernot Jochum-Müller in der Bildmitte) verdeutlichten den langjährigen, 1998 gestarteten Bürgerbeteiligungsprozess "Lebenswert Leben in Langenegg", bei dem vor allem die Nahversorgung im Ort im Mittelpunkt stand. Das gelingt seit Mai 2008 mit den „Langenegger Talenten“. „Damit halten wir die Wertschöpfung im Ort. Der Dorfladen akzeptiert die Talent-Gutscheine im Wert von 1, 5, 10, 50 und 100 Euro, die von der örtlichen Raiffeisenbank sowie vom Postlädele ausgegeben werden. Wer sich für ein Gutschein-Abo bis zu 300 Euro monatlich entscheidet, erhält beim Einkauf fünf Prozent Rabatt“, schildert Moosbrugger die Umsetzung des Gemeinde-Geld-Projektes und freut sich, dass bereits 15 % der Haushalte ein Abo bestellt haben. Die Gemeinde akzeptiert die Talent-Gutscheine für Mieten und Gebühren und schüttet Fördergelder für Vereine, an Private für den Bau von Solaranlagen oder Bewirtschaftungsprämien für Steilflächen nur mehr in Gutscheinen aus – 30.000 Euro investierte sie damit 2008 in die lokale Wirtschaft. Der Wermutstropfen dabei: nach österreichischer Bundesabgabenverordnung dürfen Gemeinden ihre eigenen Steuern nur in Euro einnehmen. Eine Änderung dieser Richtlinie würde die Einsatzmöglichkeiten der Gemeindewährung noch ausweiten.
Für 20 Jahre ehrenamtliches Engagement verleiht die Gemeinde den "Burki". Die liebenswerte Trophäe wird von der Lebenshilfewerkstätte im Ort hergestellt. Die Lebenshilfe betreibt auch das Postlädele, das gemeinsam mit der Raiffeisenbank als Ausgabestelle für die Langenegger Talente fungiert. Der Wert, der in Langenegg auf den Sozialbereich gelegt wird, zeigt sich auch darin, dass es hier eine Sonderschule gibt und der Sozialsprengel hier seinen Sitz hat. Bürgermeister Moosbrugger bringt das Verständnis dafür aus seinem bis vor Amtsantritt ausgeübten Beruf als Sozialpädagoge an der Sonderschule mit. Die Gemeindeführung bezieht alle Bevölkerungsgruppen ins Programm mit ein. So wurden die Jugendlichen gebeten, mit einem Graffiti das auf die Wand zu bringen, was ihnen im Dorf wichtig ist (Bild rechts).
Alle gewinnen „2008 wurden Gutscheine im Wert von 63.000 Euro ausgegeben“, teilt Gernot Jochum-Müller, Obmann des Talente-Tauschkreises Vorarlberg mit, der sein System für die Abwicklung des Gutscheingeldes zur Verfügung stellt. Ein Rücktausch in Euro ist mit einem Abschlag von 10 % möglich, wobei für Unternehmen gilt: Wenn die Rücktauschsumme 7.500 Euro übersteigt, erfolgt der Umtausch ohne Abschlag. „Nur ein Betrieb tauscht zurück – der Dorfladen“, weiß Jochum-Müller. Zur Freude des Ladenspächters Klaus Natter, der eine umsatzabhängige Pacht an die Gemeinde zahlt und mit dem Umsatz sehr zufrieden ist: „Wir hatten den Zielumsatz fürs erste Jahr mehr als erreicht.“ Den Abschlag beim Rücktausch sieht er übrigens keinesfalls negativ, sondern als effiziente Werbung für seinen Laden. Für die Langenegger Talente interessierte sich auch das Schweizer Internet-TV-Projekt rebell.tv. Stefan Seydel interviewte u.a. Bürgermeister Moosbrugger, Gernot Jochum-Müller, Dorfladen-Pächter Klaus Natter, Christian Gelleri vom Chiemgauer und Veronika Spielbichler vom Unterguggenberger Institut. Die Beiträge sind online auf www.rebell.tv verfügbar. Mit Talenten bezahlen kann man nicht nur im Dorfladen, sondern auch im Dorfcafé (Bild rechts). Wechselstube Raiffeisenbank: Tamara Nussbaumer nimmt Euro ein und gibt dafür Langenegger Talente aus - im Tresorraum sind 200.000 Langenegger Talente verwahrt - für Vorrat ist gesorgt! "Die Bank reagierte von Anfang an sehr positiv. Sie versteht sich als regionaler Anbieter von Dienstleistungen und sieht darin keinen Widerspruch, Ausgabestelle für die Gemeinde-Währung zu sein", erklärt Christian Nussbaumer, selbst Bankangestellter - hier im Bild rechts mit Dorfladenpächter Klaus Natter. Einkaufserlebnis mit Langenegger Talenten - das probierten im Dorfladen auch gleich Ralf Becker und Frank Jansky vom Vorstand des deutschen Regiogeld-Verbandes aus. Die Gemeinde investierte eine Million Euro in den Bau des Dorfladens und rechnet damit, dass rund ein Viertel dieser Kosten über die Pacht gedeckt wird. Eine Investition in die Gemeinschaft, die sich nur lohnt, wenn sie von den Bürgern auch angenommen wird. Doch nicht nur dabei hilft die Talente-Gutscheinwährung: „Meine Vision ist, dass möglichst viele Leute im Dorf ihr Talent einbringen und dazu auch den Tauschkreis nützen. Wir sollten von der Erledigungsgesellschaft zur Ermöglichungsgesellschaft werden“, wünscht sich der Bürgermeister. Ein Anfang dazu ist gemacht: Die ersten Langenegger Talentgutscheine wurden schon auf Tauschkreiskonten gutgeschrieben. Weitere Info: www.langenegg.at sowie www.talentiert.at
Regiogeld-Verband als Interessensvertreter Der Regiogeld-Verband versteht sich als Interessensvertretung für regionale Währungssysteme. Auf der Tagesordnung des Treffens standen Themen wie Qualitätssicherung, regionale Vernetzung, die neue EU-Zahlungsmittelrichtlinie und die Kombination von leistungs- und Euro-gedeckten Systemen. Für den überregionalen Austausch regionaler Zweitgeldsysteme präsentierte Gernot Jochum-Müller das Clearing über die Webplattform www.zart.org. Wie Regiogeld als Bestandteil eines ganzheitlichen Konzeptes zur Stärkung von Regionen eingesetzt werden kann, zeigte Franz Galler vom „Sterntaler“ im Berchtesgadener Land mit dem neuen Projekt eines genossenschaftlich organisierten Regionalfonds. Das innovative umfassende Konzept beinhaltet die Grundbedürfnisse nach Nahrung, Energie, Wohnraum und Altersvorsorge und setzt dabei auf die Menschen und die Wirtschaft in der Region. Im Regiogeld-Verband sind derzeit bereits 30 emittierte Regiogelder aufgenommen. Ein ausführlicher Bericht zum Treffen folgt noch. Eine Bildergalerie dazu gibt´s hier... Weitere Infos zum Verband auf www.regiogeld.de
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