Um diese Zeit arbeitete ich an einem Artikel über die Anwendung des von Gesell erfundenen »Schwundgeldes« im österreichischen Wörgl. Der Bürgermeister der Stadt war Freiwirtschaftler. Er hatte Notgeld drucken lassen, um Arbeitslose zu beschäftigen. Diese Wära genannten Scheine verloren wöchentlich 2% ihres Wertes. Um ihn zu erhalten, mußte der jeweilige Besitzer am Stichtag eine 2‑Heller‑Marke aufkleben. Da das keiner gerne tat, gab er seinen Schein so schnell wie möglich weiter. Das Experiment war geglückt und hatte in Deutschland Aufsehen erregt. Ich beschrieb es für die angesehene New Yorker Wochenzeitschrift »New Republic«.
Da las ich in der Zeitung, daß sich Irving Fisher, der bekannte Volkswirtschafts‑Professor der Yale Universität, für die Möglichkeit, die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes zu beschleunigen, interessierte. Ich rief ihn an und erzählte ihm von der Erfahrung mit der Wära. Er lud mich zum Abendessen ein. Aufgrund der Pressenotiz hatte er zahlreiche Zuschriften erhalten. Würde ich ihm bei deren Beantwortung helfen? Begeistert sagte ich zu. Aus dieser Korrespondenz entwickelte sich ein kleines Buch mit dem Titel »Stamp Scrip« ‑ oder Stempel‑Notgeld ‑ mit Anleitungen zur Herausgabe von »Schwundgeld«.
Mehr als 500 Städte und Gemeinden waren an der Herausgabe schnell zirkulierenden Notgeldes interessiert. Darunter war auch Reading, eine Stadt von 100.000 Einwohnern im Staat Pennsylvania, die Irving Fisher bat, ihre Herausgabe von »Schwundgeld« persönlich zu überwachen. Er schickte mich als seinen Vertreter. Als Beauftragter der Stadt sprach ich dann mit den wichtigsten Gruppen: den Gewerkschaften, Vertretern von Handel und Industrie, den Banken und anderen. Ein Komittee wurde gegründet, das für die Aktion verantwortlich war. Die Scheine wurden gedruckt, die Verwendung festgelegt. Durch Vorträge im lokalen Radio bereitete ich die Bevölkerung auf den Tag »X« vor, an dem das »Schwundgeld« in Umlauf gesetzt werden sollte. Zwei Tage vorher, am 4. März 1933, wurde Präsident Roosevelt in sein Amt eingeführt. Eine seiner ersten Handlungen war, die Banken zu schließen, ein Moratorium für alle Schuldenzahlungen zu verfügen und jede Initiative zur Herausgabe von Notgeld zu verbieten. Das betraf auch uns in Reading.
Inzwischen hatte sich auch der Staat Oregon an Irving Fisher mit der Bitte gewendet, bei der Herausgabe von 80 Millionen Dollar »Schwundgeld« behilflich zu sein. Es war zur Finanzierung öffentlicher Arbeiten bestimmt. Fisher schickte mich nach Washington, um eine Ausnahmegenehmigung für dieses Unternehmen bei der neuen Regierung zu erwirken.
Einige Senatoren und Kongreß‑Abgeordnete unterstützten mein Vorhaben. Ich sprach mit der Arbeitsministerin, dem Innenminister und wurde dann zum Finanzminister geschickt, dessen Einwilligung unumgänglich war. Er war leider krank. Sein Vertreter, Dean Acheson, der spätere Außenminister, erklärte, er könne dafür die Verantwortung nicht übernehmen. Doch wenn sein Berater, der Harvard‑Professor Russell Sprague, nichts dagegen hätte, würde er es befürworten. Professor Sprague hörte mir geduldig zu und bat mich, am nächsten Tag wiederzukommen. Dann sagte er mir, er könne nicht zustimmen. Nicht, weil der Plan nicht erfolgreich sein könnte. Im Gegenteil, er fürchte, daß er, wenn er erfolgreich wäre, Schule machen und zur Reform des amerikanischen Geldwesens führen könnte. Und damit wolle er nichts zu tun haben. Damit war die »Schwundgeld«‑Initiative gestorben.
Quelle: http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/fragen-der-freiheit/heft144/dienstag.htm - aus
Seminar für freiheitliche Ordnung, Fragen der Freiheit, Heft 144; Mai/Juni 1980, Seite 27 - 45
Hans Chorssen hielt im Jänner 1933 in den USA auch eine Radiorede übers Wörgler Freigeld, die im Februar 1933 vom Radiosender "Stimme Amerikas" in Deutschland ausgestrahlt wurde.