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![]() Im römischen Kapitalismus wird Zins auf das eingesetzte Kapital berechnet. Kann kein Ertrag erwirtschaftet werden, wächst der Schuldenberg durch Zinseszins exponentiell. Genau diesen Effekt schaltet das dem Halljahr zugrunde liegende System aus: Der Wert des Kapitals entspricht dem Gegenwert aller eingefahrerenen Ernten - also Erträge. Wenn keine Ernte eingefahren wurde, wurde auch kein Zins fällig. Durch Bezahlung des Zinses wurde die Schuld getilgt, während sie im römischen Kapitalismus weiter betehen bleibt und separat getilgt werden muss. Im Halljahr-System darf die Bodenverschuldung maximal 50 Jahre dauern. Im Halljahr war die Schuld erloschen. Das System wurde auch für die Bewertung der Äcker angewandt. Im Jahr 1 nach dem Halljahr waren sie 50 Ernten wert, im Jahr 20 nur mehr 30 Ernten, im Jahr 40 nur mehr 10 Ernten etc. Nach sieben Jahren konnten sich Schuldner freikaufen, die Gläubiger mussten sie freigeben. Der Zins - eine Frage der Gerechtigkeit und Fairness In der Kirchentradition wird klar unterschieden zwischen "gerechtem Zins" und Wucher. "Zinsverbote gegen den Wucher wurden bereits in der spätrömischen Zeit erlassen. Im Mittelalter wurde ein klares Wucherverbot ausgesprochen, womit der arbeitslose Mehrwert als Profit gemeint war. Die Reformation hat dann differenziert - sie sah den Zins als Anzahlung auf den Gewinn. Gerechter Zins war der Gewinnanteil. In der kirchlichen Ethik bedeutet das, dass kein Zins ohne Ertrag zu bezahlen ist - da muss der Wert berichtigt werden. Übertragen heißt das, das Leben nicht kaputt gehen zu lassen", erklärte Dr. Winzeler. Im Wirtschaftsprinzip des Halljahres scheidet die Bodenspekulation aus. "Ich sehe es als Forderung an das Weltkapital, diese Regelung ins Völkerrecht zu übernehmen und auf die Schulden der Entwicklungsländer anzuwenden", zog Univ.Prof. Dr. Winzeler daraus die Schlüsse für heute. Er stellt die Frage, wieviel schon widerrechtlich aus Afrika nach Europa gebracht wurde und verlangt eine faire Gegenwertrechnung. Dazu müsse in unseren Gesellschaften aber erst das Bewusstsein entstehen, dass es eine Abkehr vom Neoliberalismus braucht. "In Afrika wird in jedem Gottesdienst Aids thematisiert. Bei uns müsste in jedem Gottesdienst der Kapitalismus und Neoliberalismus thematisiert werden - in beiden Fällen geht es ums Leben!" lautete Dr. Winzelers Appell. Naturverkauf liegt im Konzept des Neoliberalismus. Kam im alten Liberalismus der Begriff Gemeinwohl und Gemeinschaftseigentum sehr wohl noch vor, setzt der Neoliberalismus auf totale Privatisierung. Selbst in überlebenswichtigen Bereichen. Spekulationsgewinne werden nicht mehr als unrecht geächtet, sondern sind zum Prinzip erhoben. "Wasser ist heilig - als elementares Lebensmittel gehört es dem Markt entzogen" Gemeinsam mit 4000 kirchlichen Vertreter/innen war Prof. Dr. Peter Winzeler auf dem Weltkirchentag in Brasilien, bei dem die Freiheitstheologie den Ton angab und mit der Agape-Resolution eine Alternative Globalisierung verlangt wurde. Die Stimmen gegen die Neoliberalisierung werden in den Kirchen immer lauter. Der Widerstand mündete u.a. in einer Wassererklärung, mit der festgestellt wird, dass der Zugang zu Wasser ein Menschenrecht ist und diese Lebensgrundlage nicht durch Privatisierung entzogen werden darf. "Den Anstoß zur Initiative gab die Vorgangsweise des Nestle-Konzerns in Brasilien. Im Zuge des gerichtlichen Vorgehens dagegen wurde ein Gutachten aus der Schweiz angefordert - und so haben sich die Kirchenvertreter der Schweiz und Brasiliens zusammengefunden, um die Wassererklärung abzugeben. Sie wurde von allen lateinamerikanischen Bischöfen mit unterzeichnet und trug dazu bei, dass auf einer eigenen Wasserkonferenz in Mexiko mit der Formulierung eines Sozialrechtes auf Wasser der vollständigen Privatisierung Einhalt geboten wurde. Der Kampf um Wasserressourcen wird das Thema unseres Jahrhunderts", schilderte Dr. Winzeler als positives Beispiel dafür, dass gesellschaftliches Engagement diesbezüglich auch Früchte trägt. Bei seinem Vortag im Tagunshaus spürte Prof. Dr. Peter Winzeler der heutigen Geldwirtschaft auf den Grund. Er schilderte, wie es im Lauf der Geschichte dazu kam, dass unser Geld heute ohne realen Gegenwert als Spekulationsobjekt um den Globus jagt. "Heute existiert 1000 Mal mehr Geld als der reale Handel benötigen würde", stellte Winzeler fest. Geld, mit dem exorbitante Gewinne erwirtschaftet werden. Gewinne, an denen die Lieferanten der Rohstoffe nicht teilhaben - der Preis stehe hier in keinem sinnvollen Zusammenhang mehr zum Wert. Eine Entwicklung, in der der freie Markt mittlerweile längst nicht mehr frei ist, sondern von großen Monopolisten beherrscht wird. Es gibt keinen fairen Wettbewerb im Welthandel, und im Fahrwasser der neoliberalen Politik gehen kleine und mittlere Unternehmen drauf. "Warum konnte es passieren, dass sich diese barbarische Idee durchgesetzt hat?" fragte Winzeler und erläuterte die Geschichte des Neoliberalismus, der mittlerweile weltweit die Staaten unter sein Joch zwängt. Hohe Arbeitslosigkeit und leere Sozialkassen sind die Folge. Unendliches Kapitalwachstum ist in einer endlichen Welt aber eine Unmöglichkeit. Winzeler: "Bis jetzt haben immer Kriege das Wachstum beendet. Die Aussichten sind trübe. Das Kapital läuft seiner Amortisation entgegen. Allein in der Schweiz liegen 1,5 Billionen Franken zu verzinsendes Vermögen - aber wie soll das ohne Arbeit gehen?" Um dem drohenden gewaltvollen Ende der Entwicklung entgegenzuwirken, fehle es nicht an Konzepten, sondern am Kräfteverhältnis in der Politik. "Meine Verantwortung sehe ich darin, jetzt Gruppen zu bilden, die die Bewegung in die richtige Richtung lenken für einen demokratischen Sozialismus, für soziale Gerechtigkeit", ist Dr. Winzelers Überzeugung. Er sieht dahingehend auch die Aufgabe der alle sieben Jahre durchgeführten Treffen der Weltkirche - hier könne auf internationaler Ebene eine Alternative Globalisierung angestoßen werden. Arbeitspapier von Prof.Dr. Peter Winzeler beim Vortrag in Wörgl: Fairnessregeln einer lebensdienlichen Zeitökonomie der AGAPE (Alternative Globalisierung Adressing People and Earth) - hier anklicken |








