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fairventure-Kongress in Leipzig am 7. und 8. Juni 2012

Die fairventure-Initiatoren Peter Krause, Leander Bindewald und Jens Martignoni (Bild links von links), allesamt Mitarbeiter der Coinstatt-Akademie. SchülerInnen der 7. Klasse der Freien Waldorfschule Leipzig gestalteten die Kongress-Währung Leipziger Lerche - diese drei waren so begeistert von ihrem Job in der Wechselstube, dass sie sich während der beiden Tage nicht von anderen Schülern ablösen ließen. Beim Umtausch von Euro in Lerchen wurde eine Wechselgebühr von 50 Cent eingehoben, die ebenso wie die Erlöse aus dem Kuchenbuffet einem Patenkind der Klasse in Peru zu Gute kommen.

fairventure - mehr als ein Kongress...

Raum schaffen für Neues und das erlebbar machen - der fairventure Kongress am 7. und 8. Juni 2012 ging in seinem Anspruch über reine Wissensvermittlung hinaus und wählte deshalb ein sehr offenes Veranstaltungsformat, das Referate, Workshops, Themenoasen, Dialoge und Begegnungsräume umfasste und zum Ziel hatte, den Prozess des Wandels über diese beiden Tage hinaus anzustoßen und weiterzutragen. fairventure versteht sich als Projekt, das Initiativen, Menschen und Firmen zusammenführt, um gemeinsam eine ökologisch sinnvolle Zukunft zu gestalten.

fairventure ist: Vertrauen wagen

"Man kann die Welt nicht nicht verändern", eröffnete Leander Bindewald,  seit 2009 selbständiger Berater und Seminarleiter für Komplementärwährungen in Brüssel, das erste Plenum am Donnerstag nachmittags und regte an darüber nachzudenken, "welche Veränderungen wir bewirken, wenn wir uns nicht engagieren." Die Welt sei kein statisches System, sondern komplex, und aus der Ökologie lerne man, dass auch der kleinste Teil Wirkung auf das Ganze hat. Bindewald verglich das Werden neuer Strukturen mit der Metamorphose des Schmetterlings - wenn die Raupe in der Puppe stirbt, die Zellen gemeinsam eine neue Form finden um zum Schmetterling zu werden, ist das Ergebnis von außen nicht zu erkennen. "Wie können wir uns so vernetzen wie die Zellklumpen in der Raupe?" stellte er als Vergleich in den Raum und lud damit ein, das Verbindende zu suchen. Jeder sei eine Insel, oberflächlich betrachtet. Geht der Blick tiefer, entdeckt man die gemeinsame Basis. "Es braucht Vertrauen auf das Neue, das wir noch nicht erkennen können. Dieses Vertrauen wagen ist fairventure", so Bindewald, Mitinitiator des Kongresses und Mitglied der Coinstatt-Akademie.

Von links: Leander Bindewald, Moderator Matthias Klaußner, Peter Krause-Keusemann und Ulrike Ronnefeldt (www.achtsamkeit-bewegt.de), die mit ihren rhythmischen Erfrischungen für Auflockerung sorgte.

Die Chance der inklusiven Ökonomie

"Geld hat mit Wirtschaft so viel zu tun wie eine Armbanduhr mit der Zeit" - dieses Statement stellte Peter Krause Keusemann, Mitbegründer der Coin-Währung und des Coinstatt-Kooperationsringes, seinem Beitrag über "Die Chancen der inklusiven Ökonomie" über neue, kreative Lebens- und Businessmodelle nach dem Erfolgsprinzip der Vernetzung voran.

Wirtschaft ist nicht ein vom Leben abgekoppelter Vorgang, sie betrifft jeden. Wie sieht nun die Einbeziehung der Menschen in die Wirtschaft aus? Dazu zitierte Krause-Keusemann die professionelle ökonomische Sprache, die durchsetzt mit Gewalt sei - Verdrängungswettbewerb, Angriffsstrategie, etc.

Der Weg zu einer Veränderung zum Besseren beginne mit Selbstreflexion und führe zu aktivem Tun. Anleitungen dazu sieht Krause-Keusemann bei Ghandi - "Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünscht für diese Welt"  - ebenso wie im Buch "Wir sind der Wandel" von Paul Hawken. Dass ein Wandel unausweichlich ansteht, zeige ein Blick auf Zukunftsszenarien, denen die Erkenntnisse des Club of Rome zugrunde liegen.  

Zur Gestaltung des Wandels, einer "inklusiven Ökonomie" warf Krause-Keusemann drei Fragen auf: "Wie können wir eine Ökonomie schaffen, die mit der Gabe beginnt statt mit der Planung von Erlösen?", wobei hier die Schenkökonomie ein wichtiger Aspekt sei. "Wie ermöglichen wir Initiative, die mit Offenheit für andere beginnt statt mit der Mission?" - ein Aufeinanderprallen von Dogmen führe nicht zum Ziel. Und drittens: "Wie können wir Endzeitstimmung in Zielbewusstsein verwandeln?" Krause-Keusemann hält nichts von markigen Positionen wie "es muss erst mal richtig krachen, alles zusammenbrechen" - diese Haltung sei ein Problem: "Was wird da herbeigeredet?" Der auf Adam Smith basierende egoistische Wirtschaftsansatz der Neoliberalen sei "blanker Unsinn - der Tatsachenbeweis ist eindeutig erbracht."

Die im Referat verwendeten Folien sind übrigens auf der fairventure.de-Website in der Kongress-Dokumentation online verfügbar - hier anklicken

   

Bei den Informationsständen stellten Beate Küppers und Matthias Fersterer (Bild links) die Zeitschrift Oya - anders denken.anders leben (www.oya-online.de) vor, die seit zweieinhalb Jahren von einer Genossenschaft mit 270 Mitgliedern herausgegeben wird. Diese Basis ermöglicht freies, unabhängiges Arbeiten. Andrea Tannenberger und Rainer Kühn (Bild Mitte) informierten über den Lindentaler (www.lindentaler.org), der  als regionales Tauschmittel in Leipzig seit April 2011 verwendet wird. Die Initiative zählt rund 100 Mitglieder und integriert die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens. Bild rechts: Prof. Dr. Margrit Kennedy beim Vortrag.

Geld gestalten - vom Schein zum Sein

Seit 1982 beschäftigt sich die Architektin und Buchautorin Prof. Dr. Margrit Kennedy (www.monneta.org) mit dem Thema Geldsystem. In ihrem Vortrag "Geld gestalten - vom Schein zum Sein" kritisierte sie, dass es beim Geldsystem keine bezahlte Forschung gäbe - das sei grotesk. Kennedy sieht in den Regionalwährungen heute Laboratorien, die von Ehrenamt und Spenden finanziert werden. Ein Einkommen zum Erhalt einer Familie sei damit nach wie vor nicht möglich. Um deren gesellschaftliche Bedeutung zu betonen, zitierte sie Paul Hawken, der NGO´s mit dem Immunsystem der Menschheit vergleicht.

Dass Änderungen im Geldsystem notwendig sind, argumentierte Kennedy mit den vielfachen Krisen, der systembedingten Umverteilung von arm zu reich - "in der Bundesrepublik Deutschland sind es täglich 600 Millionen Euro" - sowie mit der Geldwertstabilität und dem Anstieg der spekulativen Transaktionen am Finanzmarkt, die bereits 98 % aller Transaktionen ausmachen.

Lösungsansätze sieht Kennedy neben Komplementärwährungen wie Zeitbanken, Regionalwährungen, Barter- und Tauschsystemen auch im Vollgeld-Ansatz der Monetative sowie im zinslosen JAK-Modell. Kennedy unterstützt auch den Vorschlag Expressgeld statt Euro-Austritt von Christian Gelleri und Thomas Mayer als Parallelwährung für Griechenland.

  

Zeugnisverteilung beim Kongress: Die Teilnehmer des fairventure-Fernkurses der Oberstufe der Freien Waldorfschule Leipzig erhielten von  Dr. Helmut Fiedler, Mitglied des Schulleitungsgremiums (Bild links) die Zeugnisse. Der Jahreskurs vermittelt Wissen zu den Bereichen Geld, Wirtschaft, Haushalt(en) und Ökologie. Spontane Reaktion eines Teilnehmers: "Dieses Jahr hat mir sehr viel gebracht - ich habe erkannt, dass Wirtschaft mit mir zu tun hat, man kann etwas bewegen." Die WaldorfschülerInnen waren während des Kongresses auch am Kuchenbuffet sowie am Büchertisch des Flensburger Hefte Verlages im Einsatz und verkauften zugunsten ihres Patenkind-Sozialprojektes Sitzpolster.

Plenum am Freitag: Jens Martignoni und Dr. Hildegard Kurt.

Von den Grundlagen einer vernünftigen Wirtschaft

Das Plenum am Freitag vormittags stand unter dem Motto "Wir sind der Wandel" und wurde von Jens Martignoni eröffnet. Er arbeitet seit vielen Jahren an der Entwicklung von alternativen Wirtschafts- und Geldsystemen und ist Geschäftsführer von FleXibles, Verein zur Förderung neuer Arbeitsformen in Zürich. Als Utopist mit Bodenhaftung spürte er den Grundlagen einer vernünftigen Wirtschaft nach und ortete sie in den Bedürfnissen sowie den Fähigkeiten der Menschen. Wirtschaft basiert auf der Natur und nützt deren Ressourcen, lebt durch die Arbeit, die Menschen für andere tun und funktioniere durch Organisationen, intelligente Arbeitsteilung. Vernünftig wäre ein möglichst guter Ausgleich - doch dieser funktionelle Ansatz greife heute nicht. Die Wirtschaft heute funktioniere für die Mehrheit der Menschheit nicht.

Seine Schlussfolgerung: Strukturen und Regeln ändern, wofür er Wernher von Braun zitierte: "Nichts sieht hinterher so einfach aus wie eine verwirklichte Utopie." Und wie kommt man konkret dorthin? "Die neue Wirtschaft beginnt klein und wird am besten um ein neues Geldsystem, um neue Regeln herum gebaut. Neue Wirtschaft braucht wahrscheinlich ein neues Verständnis von Geld, besitzen und teilen", so Martignoni, und da gelte es noch viel zu lernen.

Weg von der Theorie, hin zur Praxis - diesen Schritt machte Dr. Hildegard Kurt mit ihrem Beitrag "(R)evolutionäre werden und uns gegenseitig dabei helfen". Sie leitete die Teilnehmer an, in sich selbst sowie im Gegenüber Fähigkeiten zu entdecken. Eine Wirtschaft jenseits des Kapitalismus könne eine Fähigkeitenwirtschaft sein. Die Industriemoderne schule nur kognitive, rationale Fähigkeiten - der Mensch soll funktionieren. Für die Zukunft gelte es, ein Gespür für die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Jede/r habe Energien - Kreativität, Solidarität, Mut, Sinn für Gerechtigkeit: "Wir leben nur, was uns bewusst ist. Es geht ums Wahrnehmen", so Hildegard Kurt.

Musikalische Auflockerung im Plenum - Julian und Benedikt Bindewald (Bild links). Für das  Institut für soziale Dreigliederung am Info-Stand: Andreas Schurak, Stefan Böhme und Clara Steinkellner (Bild Mitte von links). Ein junges, engagiertes Filmteam (Bild rechts) - mit dabei Schüler der FWS Leipzig - waren während des Kongresses mit Kameras unterwegs, um eine Filmdoku zu erstellen - weitere Info dazu hier...

Impressionen aus den vielen interessanten Workshops (alle zu besuchen war leider unmöglich...):


16 Workshops, abgehalten in kleinen Gruppen, boten optimale Arbeitsbedingungen für die Vertiefung der angebotenen Themen. Ludwig Schuster (Bild links) erklärte das Modell der schwedischen JAK-Bank, die ohne Zins arbeitet und als Vorbild für ein nachhaltiges Geldsystem jenseits des Wachstumszwangs zur Diskussion gestellt wurde. John Rogers (www.valueforpeople.co.uk/, Bild Mitte) eröffnete mit seinem Geldspiel einen Erlebnisraum, der vermittelte, wie sich mit der Änderung der Regeln im Geldsystem das Verhalten der Menschen verändert. Bei den Themenoasen im Openspace-Bereich am Freitag eröffnete spontan Heidemarie Schwermer (http://heidemarieschwermer.com/), bekannt geworden durch ihr Sterntaler-Experiment, einen Diskussionsraum über Leben ohne Geld, die gib und nimm-Philosophie und Schenkwirtschaft (Bild rechts).  

Praktische Tipps für die Umsetzung von Komplementärwährungen inklusive Software und Internet-Präsenz bot Norbert Rost  (Bild links) in der Themenoase "Der Regionalatlas", seinen Workshop widmete er dem Thema Peak Oil und Transition Towns. Erkenntnistheoretische Betrachtungen zum Geld, zum erweiterten Kunstbegriff und zu Geld und Demokratie stellte Johannes Stüttgen an, hier im Bild mit Buchautorin Clara Steinkellner, die ein Gespräch über Bildungsfreiheit und solidarische Wirtschaft anbot. Ewald Kornmann (3. Bild von links) stellte die Schweizer Vollgeld-Volksinitiative des Vereines MoMo - Monetäre Modernisierung im Open Space vor (Monetative - www.vollgeld.ch) Über die Aktionen des Omnibus für Direkte Demokratie informierte Kurt Wilhelmi, im Bild rechts stehend mit Dr. Otmar Donnenberg.

 

Neue Formen des Wirtschaftens mit der bewährten alten Rechtsform der Genossenschaft - darauf setzt Tim Reeves von der Rewig München (Bild links). Er zählt zu den Entwicklern des Modelles der Regionalen Wirtschaftsgemeinschaften (www.regionale-wirtschaftsgemeinschaften.info), von denen bereits die dritte im Allgäu in Gründung ist. Kooperatives Wirtschaften bei der Rewig kombiniert die Teilhabergemeinschaft mit Euro-Investitionen in nachhaltige Anlagen in der Region mit einer Marktgemeinschaft, in der Leistungen und Waren mit der Komplementärwährung Realo verrechnet werden. Die zinsfreie Gemeinschaftswährung ist unabhängig vom Euro, ihr Umrechnungswert wird einmal jährlich von den Genossenschaftsmitgliedern ermittelt. Im Gegensatz zum virtuellen Realo zirkuliert der Ampertaler (http://www.amper-taler.de)als Regionalwährung für Dachau in Gutscheinform (2. Bild von links). Seine Besonderheit ist die künstlerische Gestaltung, die jährlich wechselt - Regiogeld als Kunstprojekt. Besonderen Charme hat die Finanzierungs-Strategie der Regiogeld-Initiative: Durch die Ausgabe von Sammler-Exemplaren werden die Druckkosten abgedeckt. Aufs Marken-Kleben verzichtet man - beim Eintausch der Scheine gegen neue wird die Umlaufgebühr fällig. 3. Bild von links: Johannes Heimrath, Bild rechts: Late Monday - die "Acoustic groove company" mit Peter Krause als Percussionist, die an beiden Kongresstagen im Nachtcafé für gute Stimmung und Partylaune sorgte.

Strukturen für die Zukunft

Der zweite Kongresstag bot nach dem Openspace-Format zum Kennenlernen neuer Wirtschafts- und Geldformen vor dem offiziellen Abschluss am Abend noch Möglichkeiten zur Reflexion in den Workshopgruppen. Peter Krause betonte, dass es die Vielfalt der Initiativen brauche, auch den Dialog - und so ließ er auch das Publikum zu Wort kommen. Gemeinsamkeit sei nicht das Ziel - Gemeinschaft schon.

Als Beispiel, das Mut machen soll zu Widerstand gegen vorgegebene, scheinbar übermächtige Strukturen und zur  aktiven Gestaltung von Gemeinschaft und Regionalwirtschaft bot Veronika Spielbichler, Obfrau des Unterguggenberger Institutes Wörgl, einen Rückblick auf das historische Wörgler Freigeld-Experiment, mit dem die Tiroler Gemeinde auf kommunalpolitischer Ebene mithilfe einer Zweitwährung während der Weltwirtschaftskrise die Arbeitslosigkeit senken und die Regionalwirtschaft ankurbeln konnte. Wie sich mit dem Geld auch die Demokratie entwickeln kann, war weiters Thema ihres Vortrages (mehr dazu in der Kongress-Dokumentation).

"Das eigene Tun ist entscheidend" - mit einem aufrüttelnden Schluss-Plädoyer von Johannes Heimrath endete der erste fairventure-Kongress. "In welcher Form müssen wir uns verändern, um der neuen Welt gewachsen zu sein?" stellte er in den Raum. Was bedeuten die anstehenden Veränderungen für den eigenen Lebensstil? Ändert sich unser Demokratie-Verständnis vom Mehrheits- zum Konsens-Prinzip? Entdecken wir neue Perspektiven? Spannende Fragen, die nach dem künstlerischen Abschluss im Plenum durch Eurythmie mit Darko Sacic bei Live-Musik mit Late Monday im Nachtcafé weiterdiskutiert werden konnten und im Rahmen von fairventure weiterhin bearbeitet werden.  

Der Kongress zeigte eine breit angelegte Palette von Handlungsfeldern, um Wirtschaft und Geld neu zu gestalten. Ein großes Lob gebührt dem Organisationsteam und den engagierten SchülerInnen und Lehrpersonen der Freien Waldorfschule Leipzig, inklusive dem fleißigen Caféteria-Team für die gute Verpflegung!

Weitere Bilder vom fairventure-Kongress sehen Sie hier in der Galerie...

Text und Bilder: Veronika Spielbichler, Unterguggenberger Institut Wörgl

 

 

 

 

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