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Wie unterschiedlich Experten das Thema Komplementärwährung einschätzen, zeigte sich am zweiten Tag der Tagung Monetäre Regionalisierung in Weimar am 29. September 2006. Die Bewertungen für Regionalwährungen reichten von "harmloser Spielerei" bis positiv im Sinne eines Währungswettbewerbes und aus wirtschaftlicher Sicht durchaus wünschenswert.
Wolfgang Cezanne: "Regiogeld wäre ein Rückfall. Strukturprobleme lassen sich durch Geld nicht lösen."
Als "Zufall" bezeichnete Prof. Dr. Wolfgang Cezanne, Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre/Makroökonomie an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus, seine Anwesenheit als Referent. Mit der Themenstellung "Wirtschaftliche Effekte von Regionalwährungen aus makroökonomischer Sicht" ging er zwei Hauptthemen nach: Sicht der Regionalwährungen aus der traditionellen Geldlehre sowie die Frage, ob Regiogelder Probleme besser lösen können als die offizielle Geldpolitik.
Mit der einleitenden Feststellung, Regiogeld sei für ihn nur eine "harmlose Spielerei", ließ er von Anfang an keinen Zweifel an seiner persönlichen Einschätzung. Der Zusammenhang von Geldhortung und Umlaufgeschwindigkeit sei in der Volkswirtschaftslehre primitiv: wird Geld gehortet, führt das zum wirtschaftlichen Niedergang und zur Arbeitslosigkeit. "Wie hat die Politik auf die Hortung reagiert?" fragte Cezanne und gab darauf auch gleich die Antwort: "Die Europäische Zentralbank pumpt die europäische Wirtschaft mit Geld voll. Es gab noch nie so viel Geld!" Der Vorwurf an die offizielle Geldpolitik, dass sie nicht reagiere, gehe also ins Leere.
Die offizielle Geldpolitik habe mit Zinssenkungen auf die steigende Arbeitslosigkeit reagiert. Cezanne gestand aber ein, dass es trotz der statistisch dramatischen Ausweitung der Geldmenge zu erheblichen Problemen in der Wirtschaft komme. Seine Schlussfolgerung: "Mit Geld ist den europäischen Problemen nicht beizukommen."
Cezanne unterscheidet fünf Typen der Regionalwährung: 1. Schwundgeld mit eingebautem Wertverlust, das Konsum schafft. Der Nachteil dabei sei der Abschließungseffekt für die Region - eine "Isolationismus", den Cezanne als "Countryclub" bezeichnete. Folge sei ein Produktivitätsverlust, da die heutige Wirtschaftsorganisation aufbauend auf Arbeitsteilung der "Grund für den Nettowohlstandszuwachs" sei. Regiogeld sei "ein Heimatverein mit exorbitant hohen Mitgliedsbeiträgen". Gewinner seien die Ausgabestellen. Vom Regiogeld erwartet sich Cezanne keine "Nettowertschöpfung".
Als "Parallelgeld" bezeichnet Cezanne die WIR-Bank in der Schweiz, die seit 1934 existiert. Dabei handle es sich um eine inkonvertible Währung, die als Überweisung Verwendung finde. Damit könnten Kredite vergeben werden, die im normalen Bankbereich nicht vergeben werden.Cezanne sieht WIR als aktives Zahlungsmittel, mit dem auch Überziehungskredite möglich seien. Der Vorteil dabei sei, dass man eine eigene Zins- und Kreditpolitik machen könne. Nachteil: Wieder der Abschließungseffekt. Cezanne: "Eine Art Ostmark auf regionaler Ebene".
Wobei er hier grundsätzlich die Frage einräumt, ob Währungswettbewerb zuzulassen sei. Diese Frage sein in der Volkswirtschaft nicht geklärt. Cezanne outete sich als "aus der liberalen Ecke" und findet deshalb die Idee gut, diese Art Wettbewerb zuzulassen: "Die Leute wählen das Geld, das ihnen am meisten nützt." Wenn, dann müsste die Zweitwährung aber gegen die gültige Erstwährung eintauschbar sein.
Als dritten Typ Regionalwährung sieht Cezanne Barter Clubs. Das Problem aus seiner Sicht: Die Nettowertschöpfung sei bedeutungslos. Ebenso bei Tauschringen (4. Typ), die fiktive Recheneinheiten verwenden. Als fünften Typ der Komplementärwährung nennt Cezanne Bonus-Systeme wie "Miles & More", wobei hier eine Forderung den Rabatt ersetzt. Cezannes Resumee: "Sie sollten glücklich sein über die Entnationalisierung des Geldes."

Dr. Gerhard Rösl (links) und Prof. Wolfgang Cezanne (rechts) sehen Regiogeld kritisch, begrüßen aber den Währungswettbewerb
Gerhard Rösl: "Wir können nicht immer von Wettbewerb reden und bei der Währung aufhören!"
Kann die Ausgabe von Regiogeld die regionale Wirtschaft fördern oder nicht? Diese Grundthematik behandelte Dr. Gerhard Rösl, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Regensburg. Rösl arbeitete vorher als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentralbereich Volkswirtschaft der Deutschen Bundesbank in der Abteilung Geldpolitik und monetäre Analyse.
Rösl unterscheidet bei der Betrachtung bestehender privater, inoffizieller Gelder zwischen Tauschringen und Barterclubs sowie Regionalwährungen. Bei Tauschringen und Barterclubs nimmt er ein jährliches Leistungsvolumen von 15 Millionen Euro an. An Regiogeld seien rund 200.000 Euro in Umlauf, das meiste davon in Form von Schwundgeld und größtenteils Euro-gedeckt.
Rösl schloss nicht aus, dass Tauschringe die Regionalentwicklung stärken. Besonders wenn das Geld knapp sei, hohe Inflation - also Geldentwertung - herrsche oder zu hohe Steuern eingehoben würden, bewähren sich Tauschringe in der Praxis. Auch in Regionen ohne finanzielle Infrastruktur, wie etwa vor dem amerikanischen Bürgerkrieg würden sich solche Zahlungsmittel bewähren. Entscheidend sei die Überwindung der Liquiditätsknappheit.
Tauschringe würden den sozialen Zusammenhalt fördern, wobei Geld dabei nicht als Medium gesehen wird, sondern als Netzwerk. Rösl geht deshalb davon aus, dass eine wirtschaftliche Stärkung der Region sehr von den jeweiligen Umständen abhänge. Die Entwicklungsmöglichkeiten für Tauschwährungen seien allerdings begrenzt.
Kritischer sieht Rösl Regiogeld, das zum Zeitpunkt seiner Erhebung im Juni 2006 vor allem in Form von Schwundgeld bei 15 Initiativen kursierte, wobei er seine Skepsis mit hohen Geldhaltungskosten begründet: Zur quartalsmäßigen Entwertung von 2 % rechnet er eine Rücktauschgebühr in der Höhe von 5 %.
Durchaus etwas abgewinnen kann Gerhard Rösl den Komplementärwährungen im Hinblick auf den Wettbewerb: "Ich bin Hayek-Fan und für den Währungswettbewerb. Wir können nicht immer von Wettbewerb reden und bei der Währung damit aufhören."
Rösl ging auch auf Silvio Gesells Geldtheorie ein: Gesell unterstelle den Gütern einen Werteschwund, den es beim Geld nicht gäbe. Rösl hält dem entgegen, dass durch die Inflation derzeit auch beim Geld ein Wertschwund eintrete. Die Gefahr der Geldhortung sieht Rösl derzeit durch den Zins nicht gegeben, da durch niedrige Habenzinsen, die gerade die Inflation abdecken, kein Anreiz da sein, in Geld zu sparen.
Was die Kaufkraftbindung durch Verwendung einer Regionalwährung betrifft, meint Rösl, diese würde zur Abschottung und zurück zur häuslichen Arbeitsteilung führen. Das bedeute lediglich eine gesicherte Abnahme nicht konkurrenzfähiger Produkte.
Als durchwegs positiv bewertet Rösl hingegen den Werbeeffekt der Regiogelder. Hier liege auch die echte Wertschöpfung, was mit dem Geld an und für sich nichts zu tun habe. Für Rösl sind Regiogelder wie der Chiemgauer nicht gleichzusetzen mit Silvio Gesells Schwundgeld.
Henning Osmers
Henning Osmers: "Währungsvielfalt ist aus wirtschaftlicher Sicht wünschenswert"
Stellen Komplementärwährungen eine neue Gefahr für die Geldwertstabilität und die Zentralbankensteuerung dar? Dieser Frage ging Henning Osmers nach, der gerade an der Universität Oldenburg über theoretische Grundlagen, Wirkungen und Potentiale komplementärer regionaler Zahlungsmittel promoviert. Osmers Fazit: "Derzeit sind die Initiativen zu klein, um gegenwärtig eine Gefahr zu sein. Wenn allerdings wie beim WIR-System in der Schweiz 60.000 Unternehmen mitmachen, ist das etwas anderes. Eine vorausschauende Geldpolitik müsste sich diese Fragen rechtzeitig stellen. In so einem Fall müsste die Zentralbank einschreiten."
Henning Osmers erläuterte in seinem Vortrag vier Themenbereiche: Was ist Geld? Sind Regiogelder Geld oder nicht? Was heißt das für die Geldwertstabilität und Geldpolitik? Geld sei definiert als Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel und Recheneinheit. Was allerdings nur eine unscharfe Definition und nicht der Weisheit letzter Schluss sei. Osmers: "Es ist zu wenig zu sagen, dass Geld das ist, was Geld macht. Das ist nicht das Wesen des Geldes. In dieser Hinsicht ist Regiogeld eine gute Gelegenheit, neue Geldbegriffe zu testen."
Osmers unterscheidet Ausgangspunkte: Geld werde zur Deckung eines Finanzierungsbedarfes verwendet - so entstehe Geldschöpfung als Kreditnachfrage. Andererseits sei Geld als Schulddeckungsmittel zu sehen. Die Besicherung des Kreditgeldes mit Vermögen führe zur Blockierung der Vermögenswerte, sodass durch die Geldschöpfung sich die Vermögenswerte aufs Geld übertragen. Osmers folgert daraus, dass Geld als Vermögensderivat, Finanzierungsmittel und Schuldendeckungsmittel definiert werden müsse und stellt fest: "Geld ist nicht neutral - es treibt aktiv den Wirtschaftswettbewerb um Schuldendeckungsmittel."
Was sind nun die Haupteigenschaften von Geld? Was ist die Deckung, was gibt Vertrauen? Wie verliert ein Zahlungsmittel den Tauschmittelstatus? Nach dem Kriterium der Deckung beleuchtet Osmers komplementäre Geldsysteme: "Der WIR-Franken wird als Kreditgeld geschöpft, gleich wie Geld bei einer Zentralbank. WIR-Kredite werden zur Finanzierung verwendet. Das ist anders als bei Barter-Systemen: Die Geldschöpfung geschieht hier in anderer Form - die Deckung besteht aus der Leistung. Die Bartergesellschaft steht dabei nicht für die Vermögenssicherung - die Verrechungseinheiten sind damit kein Geld. Regiogeld wie der Chiemgauer wird gegen Euro verkauft und ist damit kein Geld in ökonomischem Sinn. Die überwiegende Mehrheit der Regios heute sind keine Währung und verletzen deshalb auch nicht das Bankenmonopol." Sie seien nicht eine Komplementärwährung, sondern ein "Währungs- oder Geldkomplement".
Ein Inflationsrisiko durch komplementäre Tauschmittel sieht Henning Osmers nicht gegeben: "Das offizielle Geld wird immer wesentlich attraktiver sein als die Komplementärwährung." Ursachen für Inflation seien die Ausweitung der Geldmenge pro Produktionseinheit oder die Aushöhlung der Deckung - beides sei derzeit nicht gegeben. Osmers sieht in der Vielfalt der Komplementärwährungen keine Gefahr für die Währung, er wünscht sich sogar einen Währungswettbewerb, der "aus ökonomischer Sicht durchaus wünschenswert ist. Man sollte Hürden abbauen, einen Rechtsrahmen für die Ausgabe schaffen und dann die Verbraucher und Unternehmer vor missbräuchlicher Ausgabe von Komplementärwährungen schützen." Der Rechtsrahmen sollte die Qualitätskriterien für die Geldwertstabilität beinhalten.
Spannende Diskussion zu Schwarzarbeit und Euro-Deckung
Im Anschluss an die Vorträge enwickelte sich eine spannende Diskussion. Martin Schmidt-Bredow von der Zeitbank München: "Die zusätzliche Erhöhung der Geldmenge liegt weit über der Steigerung des Bruttosozialproduktes. Wo geht dieses Geld hin? 95 % geht nicht an die einkommenssteuerpflichtige Bevölkerung, sondern an die Finanzmärkte. Die Bevölkerung hat also nichts davon?"
"Wir wissen bis auf den letzten Cent, was die privaten Haushalte haben", antwortete Gerhard Rösl aus seiner Erfahrung bei der Bundesbank. Das Geld sei fast ausschließlich in privaten Händen und bei Unternehmen. Dass es nicht Einkommenssteuer einträgt, begründete Wolfgang Cezanne so: "Wir vermuten, dass das mit Schwarzarbeit zu tun hat." Der Bargeldumlauf sei deshalb so hoch, um es an der Steuer vorbei zu manövrieren: "Wir gehen davon aus, das 16 % des offiziellen Bruttoinlandsproduktes in Deutschland "schwarz" erwirtschaftet werden." Cezanne rechnete dann noch vor, das das ungefähr sieben Millionen Arbeitsplätze entsprechen würde und schließt daraus: "Wir haben offiziell 4,5 Millionen Arbeitslose. Das Problem dabei ist, dass diese aus öffentlichen Kassen finanziert werden müssen."
Erörtert wurde dann auch die Frage, ob und womit der Euro überhaupt gedeckt sei. Henning Osmers: "Das Eigenkapital aller Zentralbanken in der Höhe von 60 Milliarden Euro sowie die Sicherheiten der Kreditnehmer sind die Deckung. Für mich ist die Argumentation, der Euro sei als FIAT-Money durch nichts gedeckt, nicht überzeugend." Wolfgang Cezanne erklärte einen anderen Zugang: "Was ist Deckung? Im juristischen Sinn ist sie beim Euro nicht einklagbar, anders als bei Aktien. Es gibt keinen einklagbaren Anspruch bei der Europäischen Zentralbank auf einen Gegenwert."
"Geld ist nur durch Vertrauen gedeckt", meinte Ralf Becker, Vorstandsmitglied im Regioverband. "Jedes Jahr gibt die EZB 8 bis 10 % mehr Bargeld aus. Bei einem Zinssatz von 7 % bedeutet das eine Verdoppelung der Geldmenge in 10 Jahren. Die Geldmenge wächst vier mal schneller als die Produktivität", woraus er eine große Inflationsgefahr ableitete. Mit dem Regio hätte die Zentralbank ein Instrument, mit dem die Geldmenge an die Wirtschaft angepasst werden könne.
Aus dem Publikum kam die Anmerkung, dass Geld noch andere Funktionen als die beschriebenen erfülle und zur Zerstörung der Lebensgrundlagen und zur Umverteilung von Arm zu Reich führe.
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